• Sandra Hinte

Wie kannst Du selbstbewusst werden? Was besser hilft als schlaue Sprüche und Zitate

Aktualisiert: Juni 2


Selbstbewusst werden beim Frühstücken?


»Falls es Dir heute noch niemand gesagt hat: Du bist wundervoll!«


Dieser Spruch ziert das Frühstücksbrettchen einer Freundin von mir.


Solche Zitate und Lebensweisheiten liest Du überall: auf Postkarten, Aufklebern, Mauspads, Kaffeetassen, Instagram oder Facebook.


Sie sollen Dich selbstbewusster machen und transportieren meistens Botschaften wie »Du bist liebenswert«, »Du bist wertvoll«, »Scheiß auf die Meinung anderer«, »Sei Du selbst«, »Spüre die Kraft in Dir« …


Ach ja, was wär das schön, wenn es so einfach wäre, oder?


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Mit solchen Affirmationen verhält es sich allerdings so: sie wirken – und zwar vor allem bei Menschen, die … tja … öhm ... schon selbstbewusst sind.


Wenn Du aber unter einem geringen Selbstwertgefühl leidest, können Dich derlei Sprüche mehr runterziehen als aufbauen. Warum?


Weil Du das, was Du liest, nicht glauben kannst.


Und wenn Du nicht glaubst, was Du da liest – wie sollst Du es dann umsetzen?


Und wenn Du es nicht umsetzen kannst, dann frustriert das und kratzt – na toll – an Deinem Selbstbewusstsein.


»Mach Dein Ding!« beispielsweise: Was ist denn aber überhaupt mein Ding? Und was soll mein Ding sein? Und wie stelle ich es an, dieses Ding zu machen – so klein, wie ich mich fühle?


Am Ende kann es passieren, dass Du Dich noch mieser fühlst, weil Du Dich selbst dafür verurteilst, es mal wieder nicht hingekriegt zu haben – typisch!

Was genau bedeutet Selbstbewusstsein eigentlich?


In unserer Sprache wird Selbstbewusstsein oft synonym zu dem verwendet, um was es Dir wahrscheinlich vor allem geht: Selbstsicherheit. Selbstwertgefühl. Selbstvertrauen.


Selbstbewusst zu sein bedeutet im ursprünglichen Sinn des Wortes ja erst mal nicht mehr und nicht weniger, als dass Du Dir Deiner selbst bewusst bist: Deiner Stärken, Deiner Schwächen, Deiner Werte, Deiner Gefühle, Deiner Bedürfnisse ... Deines Wesenkerns.


Und ja, Selbstbewusstsein ist die Basis.


Die Basis dafür, dass Du mit Dir selbst im Reinen und fein mit Dir bist, dass Du Dich selbst magst, und für Resilienz, also Deine psychische und emotionale Widerstandsfähigkeit.


Für all das musst Dir erst mal Deiner selbst bewusst werden – Du brauchst Selbstbewusstsein.


Na toll, Sandra! Und wie schaff ich das?


Dazu braucht es zum Ersten den Blick in die eigene Vergangenheit:


Um zu verstehen, warum Du Dich klein, unsicher, manchmal sogar wertlos fühlst, brauchst Du die Erkenntnis, welche Erfahrungen Du in Deinen frühestens Lebensjahren in Deinem sozialen Umfeld gesammelt hast: mit Eltern, Geschwistern, Großeltern und anderen nahe stehenden Personen.


Wie waren Deine familiären Strukturen gestaltet? Welche Werte und Glaubenssätze wurden Dir – bewusst oder unbewusst – vorgelebt?


Ein übergewichtiges Kind beispielsweise, das permanent hört, dass es hässlich ist, wird ein anderes Körper- und Selbstwertgefühl aufbauen als eines, dessen Eltern ihm trotz zu vieler Kilos vermitteln, dass es geliebt und geschätzt wird.


Ein Mädchen, das mit dem Glaubenssatz »Eigenlob stinkt« aufwächst, wird sich vielleicht nie wirklich über eigene Erfolge freuen, geschweige denn, sie mit anderen teilen können.


Aber auch das andere Extrem behindert die Entwicklung eines gefestigten Selbstbewusstseins:


Ein Junge, der zuhause unumstößlich als der Schönste, Tollste, Intelligenteste, Schnellste, Sportlichste gefeiert wird, wird auch als Mann immer auf Lob und Beifall von außen angewiesen sein. Ihm bleibt damit die Erfahrung verwehrt, wie gut es sich anfühlt, von innen heraus stolz auf sich zu sein. Zudem wird er sich schwer tun mit Kritik, Niederlagen und Frustrationen.


Menschen, die in einem Umfeld überzogener Lobeshymnen aufgewachsen sind, können später überheblich und selbstverliebt wirken. In Wirklichkeit verfügen auch sie über zu wenig Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl.



Selbstbewusst werden durch die Inventur Deiner Vergangenheit


Sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, erfordert Mut. Warum?

Du wirst auch mit schmerzhaften Erfahrungen konfrontiert – und die verdrängen wir gern. Doch es lohnt sich:


Wenn Du Dich wohlwollend mit Deinen Prägungen und negativen Glaubenssätzen auseinandersetzt, wirst Du Dir Deiner heutigen Denk-, Gefühls- und Handlungsmustern bewusst. Und erst dann kannst Du diese hinterfragen, auflösen und durch neue ersetzen:

  • Was davon stimmt noch und was nicht mehr? Was davon passt noch oder nicht mehr zu mir?

  • Was davon ist hilfreich für mein Leben und meine Beziehungen?

  • Welche neuen Entscheidungen kann und möchte ich treffen?


Du räumst also in Deinem Garten der Vergangenheit auf, um danach neue Samen zu pflanzen und bunte, duftende und widerstandsfähige Pflanzen wachsen zu lassen.


Du gestaltest Dein ganz eigenes, selbstbestimmtes Lebensbeet.


Allerdings: Sanfte Gewächse entwickeln sich nur dann zu schönen, starken, widerstandsfähigen Pflanzen, wenn Du sie regelmäßig gießt, sie ausreichend Sonne bekommen und wenn Du sie vor Ungeziefer schützt.


Das bedeutet für Dich, dass Du eine neue – selbstbewusstere – innere Haltung auch im Außen leben musst:


Wenn Du lernen willst, auch mal »Nein« zu Deiner Kollegin zu sagen, die zum dritten Mal in diesem Jahr fragt, ob sie den Brückentag frei machen kann … musst Du es tun, Du musst »Nein« sagen.


Wenn Du möchtest, dass Deine Partnerin / Dein Partner Deine Bedürfnisse ernst nimmt, musst Du sie ihr oder ihm überhaupt erst mal mitteilen auch wenn Dir dabei mulmig zumute ist und Du solchen Gesprächen bisher immer lieber aus dem Weg gegangen bist.


Das ist echt selbstbewusst


Was also macht wahrhaft selbstbewusste Menschen aus?


Zum Beispiel das hier:

  • Wer selbstbewusst ist, weiß um seine Größe – ohne andere klein machen oder halten zu müssen.

  • Wer selbstbewusst ist, steht für seine Fehler ein und übernimmt die Verantwortung für sie – ohne sich ein Märtyrerhemd überstreifen zu müssen.

  • Wer selbstbewusst ist, sagt »Nein« zu Menschen, Umständen und Dingen, die ihm nicht gut tun – und ist dankbar für das, was ihm gut tut.

  • Wer selbstbewusst ist, vertraut dem Leben und anderen Menschen (im Großen und Ganzen) – weil er sich selbst vertraut.

  • Wer selbstbewusst ist, kann Nähe zulassen – und nimmt sich gleichzeitig Freiraum, wenn er ihn braucht.

  • Wer selbstbewusst ist, findet vieles an sich gut, einiges o.k. und ein paar Kleinigkeiten na ja – und kann über seine Makel auch mal lachen.

  • Wer selbstbewusst ist, hat das Gute und Schöne im Fokus – ohne naiv zu sein.

  • Wer selbstbewusst ist, verfolgt beharrlich seine Ziele – und weiß, wann es an der Zeit ist, Pläne zu ändern.

  • Wer selbstbewusst ist, stellt sich den Ängsten, die ihm den Weg versperren – und nimmt die Liebe mit.

  • Wer selbstbewusst ist, hat Mut zur Ehrlichkeit – und weiß, wann es besser ist zu schweigen.

  • Wer selbstbewusst ist, nimmt Dinge persönlich, die es wert sind – und lässt alles andere hinter sich.

Sandra Superwoman?


Ob ich all das selbst bin und lebe? Natürlich nicht. Jedenfalls nicht immer. Und nicht zu 100 Prozent.


Ich neige beispielsweise phasenweise dazu, mich mit anderen zu vergleichen: diiieee hat ja alles besser und toller: »Ihr Haus, ihr Auto, ihre Yacht« (oder war’s ein Pferd?), die Haare schön und überhaupt …


Im Gegensatz zu früher weiß ich heute aber, was dahinter steckt und wie ich besser damit umgehen kann.


Ach ja: Und wenn ich mich mal wieder mit meinen Kindern über das Chaos in ihren Zimmern streite oder weil alles an mir hängen bleibt, habe ich als Mutter ganz offensichtlich komplett versagt (und das als Diplom-Pädagogin) – allerdings kann ich heute schneller über diesen Gedanken schmunzeln und die Dinge wieder in ein gesundes Verhältnis rücken.


Auf der Selbstbewusstseins-Skala von 1 bis 10 pendele ich also meistens zwischen einer 5 ¾ und 9 hin und her.


Alles andere wäre ja auch langweilig, oder – um mit einem Kalenderspruch abzuschließen: »Perfekt sein ist nicht perfekt. Denn das einzig Perfekte ist, nicht perfekt zu sein.« Das tut meinem Selbstbewusstsein jetzt doch irgendwie gut ...

Herzliche Grüße aus dem Blauen Sessel



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(c) Blauer Campus - Sandra Hinte Coaching in Sinzheim bei Baden-Baden und Bühl

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