• Sandra Hinte

Hilfe! Ich hör nur noch 'Narzissten' und 'Empathen'! Steckst du in einer toxischen Beziehung?


Narzissten und Empathen: Steckst Du in einer toxischen Beziehung?

​Es ist immer wieder faszinierend, wie alle paar Jahre eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird, und welch skurrile Formen, Ausmaße und Dynamiken bestimmte Phänomene innerhalb kürzester Zeit entwickeln.


ADS, ADHS, Burnout, Asperger, hochbegabt, hochsensibel ... Jetzt überschwemmen seit einiger Zeit Narzissten und Empathen nicht nur das Netz und die Medien, sondern gefühlt auch 90 % aller Beziehungen, die dann als toxisch bezeichnet werden.



Gibt es immer mehr toxische Beziehungen?


Die Nachrichten von Menschen, die mir ihre Beziehungsgeschichte erzählen und besorgt nachfragen, ob ihr Partner ein Narzisst sei, häufen sich.


 
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Da ich a) ausgebildeter Coach und keine Therapeutin bin und somit keine psychiatrischen Diagnosen stelle, und b) weil es eh meistens die Partnerinnen und Partner der Betroffenen sind, die sich Hilfe suchen, kann ich lediglich Tendenzen aufzeigen.


Nach meiner anfänglichen Skepsis aber, ob es sich bei dieser Thematik nicht mal wieder nur um ein sozial-mediales Strohfeuer handelt, bin ich mittlerweile zu der Überzeugung gelangt:


Die Anzahl toxischer Beziehungen und der Anteil narzisstisch geprägter Frauen und Männer hat zugenommen. Oder zumindest wird jetzt mehr darüber gesprochen. Und das ist gut so.

Es ist wichtig, sich mit den Phänomen 'Narzissmus' und 'toxische Beziehung' auseinanderzusetzen und das Wissen darüber zu verbreiten. Doch es gibt einen Punkt, ab dem hilft dir das allein nicht weiter ...


Doch lass uns von vorne anfangen:



Narzissmus – was ist das überhaupt?


Die Betroffenen dieser Persönlichkeitsstörung weisen eine Reihe von typischen Merkmalen auf.


Dabei macht ein Anzeichen allein noch keinen Narzissten aus, andererseits müssen auf einen Narzissten nicht zwangsläufig alle Faktoren zutreffen.

Wenn du in einem Großteil der folgenden Punkte deine/n Partner/in wiedererkennst, leidet sie / er wahrscheinlich tatsächlich unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS), auch wenn man davon ausgeht, dass weniger als ein Prozent der Bevölkerung von dieser krankhaften Ausprägung betroffen sind.


Doch glasklar diagnostiziert oder nicht, verdeckt oder offen narzisstisch: je mehr dieser Punkte zutreffen, desto lauter sollten deine Alarmglocken schrillen – Achtung: toxisch!


Anzeichen einer toxischen Beziehung?


9 Merkmale eines Narzissten

(Der Einfachheit halber nutze ich im Folgenden nur die männliche Schreibform)

1. Lovebombing und Idealisierung am Anfang


Er überschüttet dich in der ersten Verliebtheitsphase oder – falls ihr eine On-Off-Beziehung führt – zu Beginn jedes Ons mit Liebesschwüren, Komplimenten, Aufmerksamkeiten und reizvollen Zukunftsversprechen (Future Faking). Dies ist die sogenannte Idealisierungs- oder Honeymoon-Phase, in der der Narzisst intensives Lovebombing betreibt und dich damit um den Finger wickelt.

2. Neid und Projektion in der Abwertungsphase


Sobald er dich sicher am Haken hat, beginnt die Abwertungsphase: Du wirst immer häufiger und auf z.T. subtilste Art und Weise auf deine vermeintlichen Fehler und Makel hingewiesen, und der Narzisst reitet offen oder versteckt darauf herum. Das können übrigens dieselben Eigenschaften sein, für die er anfangs geschwärmt hat – diese lösen nämlich gleichzeitig seinen Neid aus. Zudem wirst du irgendwann feststellen, dass die allermeisten seiner Kritikpunkte viel eher auf ihn selbst als auf dich zutreffen (Projektion) – was er natürlich vehement abstreitet.


3. Manipulation


Um dich zu verunsichern, bedient er sich diverser Manipulationstechniken, beispielsweise des sogenannten Gaslightings: Er lügt vorsätzlich und verdreht Fakten und Aussagen so geschickt, dass du irgendwann deiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr traust (z.B. »Das habe ich nie gesagt!« oder »Nein, wir waren damals im Lamm essen und nicht im Hirschen!«).


4. Isolation von Freunden und Familie


Eine weitere Form der Manipulation besteht darin, dich von deinem Umfeld zu isolieren: Menschen, die dir wichtig sind, werden schlecht gemacht, oder es werden ihnen böse Absichten unterstellt (z.B.: »Der nutzt dich doch nur aus!«). Irgendwann fängst du an, dem Narzissten zu glauben, wirst misstrauisch oder ziehst dich gar von Familie und Freunden zurück. Apropos Freunde: Narzissten sind nicht in der Lage, tiefe, dauerhafte und echte Freundschaften auf Augenhöhe zu führen. Dementsprechend wirst du in seinem Umfeld maximal auf lose, unverbindliche und oberflächliche Bekanntschaften oder 'Gefolgsleute' – die sogenannten Flying Monkeys – stoßen.


 
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5. Kritikunfähigkeit

Narzissten fürchten nichts mehr als die Konfrontation mit der eigenen Schwäche und deren Aufdeckung z.B. in Form von Kritik, denn das könnte das gesamte Kartenhaus zum Einsturz bringen und ihn weniger bewundernswert machen. Das gilt es um jeden Preis zu verhindern. Auf Gegenwind reagieren sie daher mit Tatsachenverdrehungen, Schuldumkehr und Projektionen.


Aus Gespräche mit einem Narzissten geht man generell oft verwirrt bzw. kann den Sinn und Inhalt der Kommunikation nicht richtig fassen – viel Blabla, wenig Substanz.


6. Fehlende Empathie

Schmerzhafte Gefühle haben Narzissten irgendwann von sich selbst abgespalten. Und wer keine Verbindung zu den eigenen Emotionen hat, der kann sie auch nicht bei anderen wahrnehmen. Das begründet ihren Mangel an wahrhaftiger Empathie. Narzissten können auf den ersten Blick empathisch wirken, doch du wirst oft denken: »Irgendetwas stimmt hier nicht«.


Vertraue diesem Gefühl, denn es weist dich darauf hin, dass sich der Narzisst lediglich bei anderen abgeschaut hat, wie man in dieser oder jener Situation reagieren sollte – es handelt sich also um eine erlernte, aufgesetzte und kalte Empathie.


7. Kontrolle und Macht


Narzissten sind meistens Kontrollfreaks (das kann bis hin zu Stalking-Allüren reichen), und auch Macht ist für sie von elementarer Bedeutung. Beides üben sie mit diversen Manipulationsstrategien aus.

Der narzisstische Kontrollwahn äußert sich z.B. in perfiden 'Ich-mach-dich-groß-ich-mach-dich-klein-Spielen': Der Narzisst hält seinen Daumen drauf, wenn es um das Größenverhältnis zwischen euch geht und wird mit allen Mitteln verhindern, dass du mit ihm gleichauf, geschweige denn ihm überlegen bist.

Ebenso muss er das Maß von Nähe und Distanz permanent im Griff haben (Komm-her-geh-weg-Spiele): Nähe macht dem Narzissten Angst, weil sie verletzlich macht, daher legt er großen Wert darauf, nicht zu viel davon zuzulassen. Nicht umsonst führen Narzissten häufig Fern- oder On-Off-Beziehungen. Ist eine Beziehung jedoch endgültig beendet, schaltet der Narzisst gerne den Turbo ein, um sich ein neues Opfer zu suchen (wenn er nicht schon währenddessen zweigleisig gefahren ist) – schließlich ist der Narzisst auf Energiezufuhr und Bewunderung von außen angewiesen, sie ist sein Treibstoff. Daher wird so schnell wie möglich die sogenannte 'Next' aufgebaut, und der narzisstische Kreislauf (Idealisieren – Abwerten – Wegwerfen) beginnt aufs Neue.


Hier zeigt sich das ganze traurige Ausmaß des Narzissten-Daseins: einerseits ist er aufgrund der eigenen inneren Leere auf äußere Quellen der Lebenskraft und -freude sowie Anerkennung angewiesen, gleichzeitig aber kann er diese Quellen nicht dauerhaft in seiner Nähe ertragen.

Für Narzissten spielt Kontrolle eine zentrale Rolle


8. Schuld und Schuldumkehr


Wie erwähnt: Eigene Schwäche zu erkennen geschweige denn zuzugeben, ist Gift für den Narzissten. Es überrascht daher nicht, dass die Schuld an Beziehungsproblemen immer in deinem Schuh landet: Du bist zu empfindlich! Du hast da was ganz falsch verstanden! Du hast zu hohe Erwartungen! Du bist undankbar! Dementsprechend wirst du auf eine ehrliche – also nicht-manipulative – Entschuldigung oder die ernst gemeinte Übernahme von Verantwortung vergeblich warten. Lieber projiziert er eigene Makel und Fehler wieder auf dich.


9. Entzug der Aufmerksamkeit


Nach einem Streit (den Narzissten völlig unerwartet und wie aus dem Nichts aus dem Boden stampfen können), an dem wie gesagt immer du Schuld bist, zieht er sich – auch mal über Tage oder Wochen – komplett zurück, ignoriert dich oder / und entzieht dir seine Zuwendung.


Dieses Muster nennt man Silent Treatment bzw. Ghosting. Wenn er danach wieder auftaucht, ist es möglich, dass er sich allen Fakten zum Trotz als Helden darstellt: wer ist schließlich auf wen zugekommen, obwohl du es doch verbockt hast!?


Auch dieses Muster läuft so subtil ab, dass du dich irgendwann tatsächlich selbst schuldig fühlst.



Hast du es mit einem Narzissten zu tun?


Allerdings: narzisstische Anteile stecken in jedem von uns. Das ist wie mit Herpesviren – jeder trägt sie in sich, nicht bei jedem brechen sie in Form von schmerzhaften Lippenbläschen aus (okay, der Vergleich hinkt etwas, aber du weißt, was ich meine).


Daher wirst du die beschriebenen Merkmale in unterschiedlicher Intensität und Kombination bei vielen Männern und Frauen erkennen. Gemein ist ist ihnen, dass sie auf ein schwaches Selbstwertgefühl hinweisen.